die fortsetzung von lora et labora

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Die alte Dame und das Seil

"Sagen sie, junge Frau, sind sie Artistin?"
"Nein, ich mache das heute zum ersten Mal!"
"Also, wirklich großartig. Das hätte ich nicht gekonnt. Auch in ihrem Alter, meine ich. Wie alt sind sie?"
"31"
"Oh, ich hätte gedacht, sie sind 19"

Die alte Dame im weißen Steppmantel und mit dem eleganten Kopftuch kommt vorsichtig über die Wiese gestöckelt, bis sie vor dem Gurt steht, der zwischen zwei Bäumen gespannt ist und für sie auf Bauch-, für mich auf Hüfthöhe verläuft. Wenn niemand draufsteht. Wenn nämlich jemand draufsteht, dann senkt sich der Gurt, so dass es vielleicht noch 20 oder 30 Zentimeter bis zur schlammigen Wiese sind. Bevor die alte Dame kam, haben wir hier gespielt: möglichst lange auf dem Gurt stehen, darauf gehen, abspringen, wenn es zu wackelig wird. Für mich ist es oft schon vor dem ersten, bestenfalls nach dem vierten Schritt Zeit für den Absprung. Und selbst das funktioniert nur, so lange jemand auf dem Band sitzt, damit es unter Spannung steht.

"Aber der junge Mann, der kann das. Kennen sie sich schon lange?", fragt sie und deutet auf T., der die Leine von einem zum anderen Ende entlangbalanciert.
"Wir kennen uns nicht"
"Ach, sie kennen den jungen Mann gar nicht? Heute erst kennengelernt? Oh, dann verzeihen sie, dass ich auch noch dazwischen funke"
"Das macht gar nichts!"
"Nur zu, dann machen sie sich mal miteinander bekannt. Wer weiß, vielleicht feiern sie bald Hochzeit, und ich bin eingeladen."

Sie stellt sich vor. "Annemarie Hecht". Wir schütteln die Hand, sie zieht dafür ihren feinen schwarzen Lederhandschuh aus, sehr damenhaft. Kurz schäme ich mich für meine schmutzigen Finger, aber sie scheint sie gar nicht wahrzunehmen.

Slacklining-Bild von matthewvenn


"Wissen sie, so ähnlich wie sie heute hab ich meinen Mann auch kennengelernt. Ich war auf dem Weg ins Theater, hier in Offenbach. Es gab 'Hoffmanns Erzählungen'. Ich lief durch die Bahnunterführung, er sah mich und dachte 'diese Frau werde ich einmal heiraten'. Ich hab ihn an jenem Tag gar nicht wahrgenommen."
Einer von vielen jungen Männern in Fliegeruniformen sei er gewesen, es war ja Krieg.

Sie sei zwar keine Schönheit gewesen, aber eine elegante Erscheinung, gut gekleidet. Ihr Zukünftiger sei extrem schüchtern gewesen. Sie trafen sich in einem Café wieder, wurden beide zu einem Hausball eingeladen. "Sowas würde man heute Party nennen." Den ganzen Abend sprach der Mann kein Wort, bis die 15-jährige Schwester, die die 18-jährige Annemarie begleitete, gegen ein Uhr nachts zum Aufbruch drängte. Da sagte er die entscheidenden Worte: "Darf ich sie wiedersehen?"

Sie verabredeten sich auf einem öffentlichen Platz unter einer Uhr. Er kam nicht. "Da rief ich in dem Café an, in dem wir uns getroffen hatten. Er war da, und er sagte: 'Ich bitte sie, bleiben sie stehen, ich bin in zehn Minuten da." Er kam und entschuldigte sich bei ihr. Er habe gedacht, das Mädchen werde sowieso nicht kommen.

"Von da an haben wir uns nie wieder getrennt, 54 Jahre lang. Bis er starb. Ich wünsche ihnen ein ebenso glückliches Leben wie ich es hatte", sagt sie und zwinkert. "Ich laufe jetzt zur Stadtgrenze."

Wir schauen ihr hinterher, wie sie über die matschige Wiese zurück zum Weg stapft und dann weiter am Ententeich entlang. Auf dem Asphaltweg versuchen zwei Erpel, eine Ente zu bespringen. "Ich habs nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass ich schon vergeben bin", sage ich. "ging mir genauso", sagt er.
8.3.08 00:41
 
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